Schuldnerberatung: Armut wird in der Vorweihnachtszeit besonders deutlich

Corona-Krise und steigende Energiepreise belasten Menschen, die bei der Schuldner- und Insolvenzberatung Rat suchen. Sie müssen ohnehin jeden Euro einzeln umdrehen. Wie erleben sie die Zeit vor Weihnachten?

Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest der Liebe übt auf viele Menschen Konsumdruck aus. In der Schuldnerberatung begleiten sie Menschen, die jeden Euro umdrehen müssen. Wie gehen die mit dem Druck um? Begeben sich einige womöglich noch mehr in eine Schuldenfalle?

 INES TERHUVEN: Ich bin seit 17 Jahren Schuldner- und Insolvenzberaterin und ich habe in der Zeit nicht festgestellt, dass besonders in der Vorweihnachtszeit zum Kauf von Geschenken mehr Kredite aufgenommen werden. Stattdessen beobachten wir über das ganze Jahr hinweg eine Tendenz zu mehr zu Ratenkäufen. Das ist aus meiner Sicht ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Aber tatsächlich ist die Vorweihnachtszeit immer eine sehr emotionale Zeit bei unseren Ratsuchenden. In den Beratungen spüren wir die Notlagen, die Sorgen und die Traurigkeit der Klientinnen und Klienten deutlich. Grund ist weniger der Konsumdruck, sondern vielmehr, dass Armut jetzt besonders sichtbar wird.

Welche Menschen kommen zu Ihnen in die Beratung?

 Das ist sehr gemischt. Wir haben Ratsuchende aus allen Gesellschaftsschichten und Einkommensgruppen, aus dem Sozialleistungsbereich, aber auch Angestellte. Wir haben die ehemals Selbstständigen. Wir haben Rentnerinnen und Rentner. Gerade heute saß wieder eine Klientin hier und sagte: "Ich habe sieben Enkel. Ich weiß nicht, wie ich das in der Weihnachtszeit machen soll."

Wie können Sie als Beraterin in so einem Fall helfen?

 Wir versuchen in den Gesprächen zu schauen, welche anderen Wünsche denn erfüllbar sind, wo kleine Inseln und kleine Möglichkeiten gefunden werden können, wie auf die Sorgen und die Traurigkeit der Kinder eingehen kann.

Sie haben betont, dass die Menschen, die sie beraten aus allen Einkommensgruppen kommen. Kann man sagen, welche die Hauptursachen für eine Überschuldung sind?

 Wenn Sie sich die Statistiken anschauen, ist Arbeitslosigkeit nach wie vor die Hauptursache von Überschuldung. Hinzu kommen reduzierte Arbeitszeiten oder Kurzarbeit. Was wir ganz oft haben, sind Trennungs- und Scheidungsgeschichten, wo aus einem Haushalt mit zwei verdienenden Personen werden plötzlich zwei Einzelpersonen, von denen die eine der anderen beziehungsweise den Kindern zusätzlich zum Unterhalt verpflichtet ist. Zu den klassischen Überschuldungsursachen gehören auch plötzliche oder länger andauernde Erkrankungen, durch die das Einkommen bis zum Sozialleistungsniveau sinkt.

Jetzt ist in den vergangenen Monaten ein weiterer Auslöser hinzugekommen. Laut einer Umfrage, ist jeder vierte Münchner Haushalt in Sorge, dass er in den nächsten Monaten bestehenden Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann. Wie hat die Pandemie Ihre Arbeit verändert?

 Tatsächlich haben wir einen deutlich höheren Zulauf von Ratsuchenden. Durch COVID sind viele Einkommen geschrumpft, zum Beispiel durch Kurzarbeit. Aber auch der Wegfall von Nebeneinkünften durch geringfügige Beschäftigungen ist ein ganz wunder Punkt, der unsere Klientel massiv belastet. Viele Menschen sind schon vor Corona in der Situation gewesen, sehr knapp kalkulieren zu müssen. Wenn dann auch noch Teile des Einkommens wegfallen, erreichen wir ganz schnell den Bereich der Überschuldung, wo die Menschen überlegen müssen, welche Kosten sie überhaupt decken können. Aber die Probleme gehen noch weiter.

Inwiefern?

Die Angst vor der eigenen Zukunft und die Perspektivlosigkeit werden Folgen haben. Den Menschen geht die Kraft aus. Wir beraten häufig Alleinerziehende und einkommensschwache Haushalte. Sorge macht uns die Lage der Kinder, die den fehlenden Unterricht nicht kompensieren können. Corona zeigt auch: Bildungschancen hängen zu sehr vom Einkommen der Familien ab. Hinzu kommen Personen, die ihre Altersrücklagen auflösen, um sich jetzt finanzieren zu können. Das betrifft zum Beispiel die Selbständigen, die noch versuchen, sich durch den nächsten Lockdown zu hangeln. Wir können in den Beratungen Halt geben, die Existenzsicherung und den Schutzraum für Überschuldete erklären: Es gibt einen Pfändungsschutz.

Wie hoch ist dieser Betrag?

 Für eine Person sind das ungefähr 1260 Euro.

In einer Stadt wie München ist das nicht viel.

 Genau, München ist ein teures Pflaster. Da ist es besonders bitter, wenn man die Wohnung verliert. Die Situation der Ratsuchenden, die ihre Miete nicht mehr zahlen können und deren Wohnraum nicht mehr gesichert ist, ist wirklich prekär. Der Antrag für eine Sozialwohnung in München ist schnell gestellt, aber das Warten auf die Wohnung dauert lang. Deswegen ist eine Hauptaufgabe der Schuldnerberatung zu schauen, dass das Mietverhältnis nicht gefährdet ist. Während des gesamten Beratungsprozesses konzentrieren wir uns darauf, dass Miete, Strom, Fahrtkosten – eben die wirklich existenzsichernden Zahlungen – geleistet werden können.

Wie läuft in so einer Situation die Beratung ab?

 Das erste, was wir tun, ist Zuhören. Die Menschen, die zum Erstgespräch zu uns kommen, haben einen enormen Druck. Viele schämen sich, denn damit ist ja auch ein Stück weit ein Scheitern verbunden. Die typischen Ratsuchenden kommen erst dann, wenn sie wirklich alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben und ihre Rechnungen, oft auch ihre Miete, nicht mehr zahlen können. Wir sortieren dann sozusagen die Schwierigkeiten und gewichten die Prioritäten. Wir prüfen gemeinsam die Existenzsicherung der Familie und der Person, bevor wir uns überhaupt mit der Regulierung der Schulden beschäftigen.

Gas und Strom werden gerade immer teurer. Das sorgt vermutlich für noch mehr Druck.

 Die Energiekosten steigen zurzeit ins Unermessliche. Heute war ein Ratsuchender da, der sagt: "Ich muss jetzt im Monat statt 98 Euro 136 Euro für Strom zahlen." Dies aus der Grundsicherung zu finanzieren, ist eine Herausforderung. Da bleibt am Ende wieder weniger Geld für den Lebensunterhalt, für Essen, Trinken oder um den Bogen zum Anfang zu schließen: weniger für Geschenke in der Weihnachtszeit.


Zur Person

Ines Terhuven berät bei der Schuldner- und Insolvenzberatung des Evangelischen Hilfswerks der Diakonie München und Oberbayern Menschen in finanziellen Notsituationen. Die Diplom-Sozialpädagogin ist außerdem Vorstandsmitglied bei der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Bayern.


Foto: Oliver Bodmer


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