Mammalade für guten Zweck

Dreh- und Angelpunkt der süßen Angelegenheit ist Helene Nestler. Sie wollte mehrere Gedanken zu einem Projekt bündeln: Menschen auf Sinnsuche eine Beschäftigung geben, Lebensmittel vor der Tonne bewahren und Frauen in Not unterstützen. Der Plan ging auf, weil Nestler eine hervorragende Netzwerkerin ist. Rund 7.000 Euro Gewinn hat Mammalade im ersten Jahr erwirtschaftet.

"Davon unterstützen wir das Frauenobdach 'Karla 51'", sagt sie. Einmal im Monat wird für die 50 Bewohnerinnen gekocht, es werden Windeln finanziert und Erstlingsausstattungen für Neugeborene sowie Ausflüge; zuletzt ging es an den Tegernsee.

Karla-Leiterin Isabel Schmidhuber freut sich riesig über das Engagement der Frauen für bedürftige Frauen mit Kindern: "Es wäre für uns um etliches schwieriger, weiterhin unbürokratisch und flexibel zu helfen, wenn wir nicht die Unterstützung des Vereins hätten." Und dass Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler die Schirmherrin des Vereins ist, ist für die Karla- Frauen eine zusätzliche Ehre.

Das Marmeladen-Netzwerk hat viele Fäden: Super- und Fruchtmärkte schenken den Köchinnen reifes Obst, das nicht mehr verkauft werden kann. Ehrenamtliche holen die Ware ab und bringen sie zur evangelischen Corneliuskirche in Neubiberg, die ihre Gemeindeküche kostenlos zur Verfügung stellt. Dort entscheidet dann das Team, dem mittlerweile ein gutes Dutzend Frauen angehören, was in einen Topf kommt.

Inzwischen landet auch immer mehr Bio-Obst aus heimischen Gärten bei Mammalade, berichtet Helene Nestler: "Es kommt vor, dass am Dienstag oder Freitag beim Einkochen eine Frau mit einem Korb wunderbarer Zwetschgen plötzlich in der Küche steht. Oder mit Wildpflaumen, die in Bayern Kriacherl heißen, oder köstlichen Reineclauden." Resonanz und Anerkennung und damit auch die Unterstützung in der Bevölkerung sind groß geworden seit den Anfängen. "Wir wissen ja vorher nie, was wir bekommen", erklärt Küchenchefin Nestler. Mal liegen im Korb fünf Mangos, zwei Kilo Trauben und ein Pfund Khaki - daraus kreieren die Damen fantasievolle Mischungen, die mittlerweile zum Markenzeichen von "Mammalade" geworden sind. Gut, dass die meisten Kunden experimentierfreudige Frauen sind, denn eins hat Nestler schnell gelernt: "Männer kaufen nur sortenrein."

Getreu dem Motto "Das Auge isst mit" wird dann jedes Glas mit einem Stoffdeckchen bekränzt und mit einem handschriftlichen Anhänger geschmückt. "Das schaut süß aus, da bleiben sogar die Männer stehen", sagt Nestler. Dann wandert die Ware ins Regal: Zwei Bäckereien und eine Nachbarschaftshilfe sind feste Abnehmer - deren Kunden freuen sich besonders über den Freundschaftspreis von zwei Euro pro Glas.

Doch auch in den schicken Münchner Familienvierteln Neuhausen und Haidhausen steht "Mammalade" auf dem Frühstücks tisch: Der sozial engagierte Bäckermeister Ludwig Neulinger hat den Neubiberger Fruchtaufstrich ins Sortiment seiner vier Filialen genommen. Und sogar im Kasino der Bayerischen Staatskanzlei gibt's Mammalade: Über eine Schulaktion lernte Helene Nestler den Kantinenchef der Staatskanzlei kennen, der probierte - und orderte prompt. "Und im Dezember waren dann 40 Frauen aus der 'Karla 51' dort zum Weihnachtsessen eingeladen", berichtet die rührige Strippenzieherin stolz.

Jüngste Verkaufsstelle: Auch in der Kantine des Sozialministeriums stehen die Gläser zum Verkauf; Ministerin Kerstin Schreyer höchstpersönlich warb für die süße Sache. Dass das Projekt so großen Erfolg hat, liegt am Gesamtkonzept, meint Nestler. "Es gefällt vielen, dass wir Lebensmittel vorm Wegwerfen bewahren und dass wir mit dem Gewinn Menschen in der Region unterstützen", zählt sie auf. Auch die Solidarität zwischen Frauen sei ein Faktor für den Erfolg. Darüber, dass in ihrem Kochteam neben alleinstehenden oder älteren Frauen auch eine junge Syrerin mitmacht, freut sie besonders: "Sie lernt bei uns ganz nebenbei Deutsch."

Der Erfolg von Mammalade macht Nestler beinahe Sorgen. "Wir könnten noch mehr Obst bekommen und mehr Marmelade verkaufen", sagt sie. Doch die Logistik ist jetzt schon am Anschlag; glücklicherweise hilft seit September ein Rentner - der einzige Mann im Team - bei der Auslieferung. "Was wir bräuchten, wäre jemand für die Führungsrolle, der mich auch mal vertreten kann", sagt sie. Bislang liegt die Organisation komplett in ihren Händen; doch Helene Nestler ist selbst noch berufstätig. Sie könnte sich auch vorstellen, das Konzept zu exportieren: "Das funktioniert überall." Einzige Voraussetzung: eine Küchenchefin mit Händchen für gute Kontakte.

Susanne Schröder 


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