Hoffnung geben, wo Menschen leben

Wer vor gut einem Jahrhundert zur Münchner Bahnhofsmission wollte, musste sich erst einmal für eine von vier Türen entscheiden: Denn die vier Eingänge der Baracke am Holzkirchner Bahnhof waren damals streng nach Konfessionen und Geschlechtern getrennt.
 
Genau 120 Jahre alt wird die Münchner Bahnhofsmission in diesem Jahr: 1897 eröffnete der „Verein Freundinnen junger Mädchen“ die Evangelische Bahnhofsmission; die Frauen des Marianischen Mädchenschutzvereins begannen mit dem Betrieb der Katholischen Bahnhofsmission.
 
Im Mittelpunkt der Arbeit stand anfangs der Schutz junger Mädchen. Aufgrund der Industrialisierung kamen immer mehr von ihnen in die Stadt; sie wurden schon am Bahnhof oder bereits in den Zügen angesprochen und erhielten unseriöse Angebote in Gastronomie, Fabriken oder Prostitution.
 
Ökumenische Zusammenarbeit fand auch damals schon statt; heute arbeiten die beiden Träger, das Evangelische Hilfswerk und IN VIA München, eng zusammen: Es gibt einen gemeinsamen Eingang, die Leiterinnen der Evangelischen und der Katholischen Bahnhofsmission teilen sich ein Büro.
 
Und das Angebot hat sich an die Bedürfnisse der Zeit angepasst und ist vielfältiger geworden: Nach den beiden Weltkriegen kümmerten sich die Mitarbeitenden um Flüchtlinge, Vertriebene und zurückkehrende Soldaten und teilten Essen an Bedürftige aus. Ab den 60er-Jahren kamen Reisehilfen für ältere Menschen dazu.
 
Gut 20 Jahre später suchten immer mehr Arbeitslose, Asylbewerber und Aussiedler um Hilfe. Heute finden in der Bahnhofsmission an 365 Tagen im Jahr unter anderem Obdachlose, Flüchtlinge, psychisch Kranke und Menschen auf der Durchreise rund um die Uhr Hilfe oder Zuflucht.
 
Im vergangenen Jahr hatten die rund 150 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden mehr als 102.000 Kontakte zu Gästen, unter anderem bei der Ausgabe von Brot und Tee. Pro Tag führten sie im Durchschnitt um die 60 Beratungsgespräche – insgesamt waren es 2016 fast 22.000. Rund 1.250 Kinder haben sie im Rahmen von „Kids on tour“ beim Bahnfahren begleitet und etwa 2.350 Mal beim Umsteigen geholfen. Außerdem bietet die Bahnhofsmission nachts einen Schutzraum für Frauen und Kinder.
 
Hoffnung geben, wo Menschen leben – das Motto des diesjährigen Tags der Bahnhofsmission im April gilt auch für die tägliche Arbeit:
„Als niedrigschwellige Beratungsstelle sind wir offen für alle und schicken niemanden weg, sondern versuchen mit den Hilfesuchenden die nächsten Schritte zu gehen“, sagt Simone Slezak von der Evangelischen Bahnhofsmission.
 
Generell seien die hilfesuchenden Menschen in letzter Zeit verzweifelter geworden; auch die Zahl der Fälle mit psychischen Auffälligkeiten habe zugenommen. „Viele Menschen haben sehr komplexe und schwierige Lebensgeschichten; da ist es manchmal nicht einfach, Perspektiven aufzuzeigen“, sagt Bettina Spahn, Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission. „Wir versuchen, nicht nur die Situation zu klären, sondern unterstützen im Einzelfall ganz konkret.“
 
Isabel Hartmann


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