Gestern und heute: 55 Jahre Einsatz für Frauen in Armut

Die Unterstützung von Frauen in Armut hat eine lange Tradition. 1966 gründete die Innere Mission München (heute Diakonie München und Oberbayern) den Evangelischen Beratungsdienst für Frauen in der Nachfolge der Mitternachtsmission. Damals kümmerten sich Diakonissen um „gefährdete“ und „gefallene“ Frauen, wie es vor 55 Jahren hieß. Zum Teil erhielten die Frauen in der Heßstraße 12 ein Dach über dem Kopf, dort befindet sich noch heute ein Wohnheim des Beratungsdienstes.

Zur Zielgruppe gehörten damals junge Mädchen und alleinstehende Frauen, die vom Land in die Stadt kamen. Sie arbeiteten im Gaststättengewerbe oder bestritten ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, lebten in prekären Lebensverhältnissen und in Armut. Die Diakonissen kontaktierten sie nachts auf der Straße. Später unterstützten die Schwestern auch straffällig gewordene Frauen in den Strafvollzugsanstalten. Ihr Ziel war es, Frauen und Mädchen zu retten, die „aus besonderen Verstrickungen der Welt und der Sünde herausgerissen wurden“. So steht es in einem Jahresbericht aus dem Jahr 1966.

So wie sich die Gesellschaft und die Sprache veränderten, änderten sich auch die Zielgruppe, die Bedarfe und Lebenslagen der Frauen, sowie die gesetzlichen Grundlagen.

Inzwischen hält der Evangelische Beratungsdienst für Frauen ein differenziertes Angebot für alleinstehende Frauen und Mütter bereit, das sowohl Wohnangebote, Unterstützung im eigenen Wohnraum, Betreutes Wohnen für Frauen mit einer zusätzlichen psychischen Erkrankung, Integrationshilfen und niedrigschwelligen Zugang zu ambulanter Beratung und Straffälligenhilfe in der Beratungsstelle umfasst.

Im Jahr 2020 begleiteten die Mitarbeiterinnen insgesamt 1082 Frauen.

Aus dem Evangelischen Beratungsdienst gingen in Lauf der Jahre zwei inzwischen eigenständige Einrichtungen hervor, die in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum begehen. Das Frauenobdach KARLA 51 entstand vor 25 Jahren. Es ist heute die Erstanlaufstelle für akut wohnungslose Frauen mit oder ohne Kinder. Rund um die Uhr können Aufnahmen in einem der 55 Einzelzimmer erfolgen.

Vor 10 Jahren kamen schließlich die Lebensplätze hinzu. Die Einrichtung ermöglicht 26 älteren, obdachlosen Frauen ein selbstständiges, würdiges Wohnen und Leben, indem sie ihnen ein eigenes, mietvertraglich abgesichertes Appartement bietet.

Und heute?

„Gerade die Pandemie zeigt, wie wichtig eine gute soziale Infrastruktur ist“, sagt Mario Frombeck, Bereichsleiter in der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe beim Evangelischen Hilfswerk mit dem Schwerpunkt Frauen.

Umso mehr freut er sich, dass der Stadtrat nun die Finanzierung eines weiteren „Spin off“ des Evangelischen Beratungsdienstes für Frauen sichern will. Im vergangenen Jahr gründete das Evangelische Hilfswerk die Beratungsstelle Wohnen und Existenzsicherung für Familien.

Der Hintergrund: Immer mehr Familien im Wohnungsnotfall, in prekären Wohnverhältnissen und/ oder mit existenziellen finanziellen Problemen haben beim Evangelischen Beratungsdienst für Frauen um Hilfe angefragt. Birgit Zimmermann, Leiterin der Beratungsstelle, stellt fest: „Eine ganzheitliche, an den Problemen aller Familienmitglieder orientierte Beratung gab es in München bislang nicht“.

Damals machte eine Spende der Sparkasse München das Projekt überhaupt erst möglich. Die SPD/Volt-Fraktion und die Fraktion Die Grünen - Rosa Liste haben nun einen Stadtratsantrag gestellt, der die Beratungsstelle Wohnen und Existenzsicherung für Familien des Evangelischen Hilfswerks ab 2022 entfristen und dauerhaft sichern soll.

„Damit geht zum 55-jährigen Bestehen des Beratungsdiensts ein großer Wunsch in Erfüllung. Die politischen Entscheidungsträger setzen damit einen wichtigen Baustein für die Prävention von Wohnungslosigkeit“, erklärt Mario Frombeck. Und Teilbereichsleiterin Isabel Schmidhuber fügt hinzu: „Wir wissen sehr wohl, dass die Finanzlage der öffentlichen Kassen wegen der Pandemie sehr angespannt ist. Da sind wir für diese Investition an der richtigen Stelle natürlich umso dankbarer.“


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