Ein Ehrenamt, das einen erdet

Es ist ein großer Spagat, den Nima Amininejad zwischen seinem Berufsleben und großen Teilen seiner Freizeit bewerkstelligt: Während seiner Arbeitszeit werkelt der 29- Jährige an der TU München an seiner Doktorarbeit in analytischer Chemie. Da stehen naturwissenschaftliche Experimente und die Arbeit mit Zahlen und Daten auf dem Programm. Aber ein, zwei Mal pro Woche tauscht der drahtige junge Mann aus dem Iran die aufgeräumte Welt des Labors gegen ein ziemlich schwieriges und sehr auf das Menschliche ausgerichtetes Ehrenamt.

Sein Einsatzgebiet ist dann meist die Gegend rund um den Münchner Hauptbahnhof. Und zwar genau jene Bereiche, die Reisende vielleicht eher meiden. Sozialpädagogin Silvia Rupp von der Beratungsstelle Marikas und er gehen auf junge Männer zu, meist Geflüchtete, die drohen, in die Prostitution abzurutschen - oder schon abgerutscht sind.

Es geht um Prävention, um Aufklärung. Aber auch um Lebenshilfe. Marikas, vom Evangelischen Hilfswerk München getragen, ist die einzige Beratungsstelle in Bayern, die gezielt für junge Männer in prekärer Lebenssituation da ist, die durch Prostitution ihr Überleben sichern. Und Amininejad hat bei diesen Begegnungen eine äußerst wichtige Funktion, wie Silvia Rupp beim Gespräch in der Beratungsstelle im Dreimühlenviertel betont. Er ist es, der mit seinen Sprachkenntnissen etwa in Farsi, dem Persischen, Kontakt zu den oftmals misstrauischen jungen Männern aufnehmen kann. "Er ist viel mehr als ein Dolmetscher", sagt Rupp über Amininejad. "Es braucht da den ganzen Menschen" - von der Körpersprache bis zum Gespür, die richtigen Worte zu finden. Es ist schließlich auch ein heikles sprachliches Feld, auf dem sich die beiden bewegen, weil es um Sexualität geht, um Verhütung - und um Gefahren.

Seit 2016 ist Amininejad im Einsatz - und übersetzt seitdem etwa auch bei Beratungsgesprächen in den Räumen von Marikas. Zu seinem ungewöhnlichen Ehrenamt ist er eher zufällig gekommen: 2013 hatte ihn ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach München geführt. Und schon länger wollte er sich in seiner Freizeit "sinnvoll betätigen", wie er sagt. Dann traf er über eine gemeinsame Freundin auf Silvia Rupp. Es war wohl ein klassischer Fall von "gesucht und gefunden". Denn die Sozialpädagogin erkannte schnell, dass Amininejad der Richtige für die Aufgabe wäre - und der junge Iraner selbst hatte keine Berührungsängste, sagt er: weder vor dem Kontakt mit jungen Männern in schwieriger Lage noch davor, als Moslem für eine christlich geleitete Einrichtung tätig zu sein. "Da geht es ja nicht um Religion", sagt Amininejad, "sondern darum, Menschen zu helfen."

Mittlerweile sind die beiden ein eingespieltes Team: "Wen wir ansprechen können, das beratschlagen wir gemeinsam", berichtet Rupp. "Nima war ein Glücksgriff!", lobt sie. Und er sagt: "Ich arbeite sehr gerne mit Silvi." Und überhaupt sieht er in der herausfordernden Arbeit auch eine persönliche Bereicherung. Wie kommt er mit den Härten seines Ehrenamtes zurecht? "Natürlich gibt es belastende Momente", erzählt der 29-Jährige. Etwa wenn er Menschen begegne, die mehrere Probleme gleichzeitig haben - ein Leben in der Prostitution, Angst vor der Abschiebung, dazu vielleicht noch eine Krankheit.

Auch treffe man durchaus auf Menschen, die im Leben wenig Unterstützung erfahren haben. Da braucht es dann viel Geduld, um die Tür zu öffnen. Für Amininejad hat das Ehrenamt aber auch eine erdende Wirkung. "Manchmal klappen im Labor die Experimente nicht und ich denke, alles ist schlimm. Dann gehe ich auf die Straße und stelle fest: Nein, mein Leben ist wunderbar", erzählt er. Für Marikas will er noch lange arbeiten, weil es für ihn eine persönliche Bereicherung und Herausforderung zugleich ist. Sehr zur Freude von Silvia Rupp: "Wir hatten lange nach der richtigen Person gesucht", erklärt sie. "Mit Nima haben wir sie endlich gefunden."

Florian Naumann 


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