Das Übernachtungsschutzprogramm gibt es demnächst auch im Sommer

Die soziale Visitenkarte Münchens wird aufgemörteltDie Erweiterung des bisherigen Kälteschutzes von November bis Ende April soll im Rahmen eines Pilotprojektes zwischen Mai und Oktober zum Übernachtungsschutz mit intensiver sozialpädagogischer Beratung erweitert werden. Die Stadt lässt sich das zusätzlich 1,377 Millionen Euro pro Jahr kosten, wie Bürgermeisterin Christine Strobl bei einer Pressekonferenz mitteilte.

Der Antrag sei von den Mehrheitsfraktionen eingebracht worden und sie sei sehr zuversichtlich, dass er bei der Stadtratssitzung am 22. November positiv verabschiedet werde. Dass Menschen auf der Straße leben, sei auch im reichen München ein zunehmend größer werdendes Problem, dessen sich die Stadt annehmen will. Mit der Unterbringungsmöglichkeit wolle man den Menschen ihre Würde zurückgeben: "Das ist alles andere als Luxus, aber es ist warm, trocken und sauber." Um sie zudem in die Stadtgesellschaft zu integrieren, brauche es verstärkt Bildungs- und Beratungsangebote. Und wörtlich: "Es wird Geld kosten, aber in unserer Stadt muss so etwas möglich sein."

Sozialreferentin Dorothee Schiwy dankte dem Evangelischen Hilfswerk als "sehr treuem und verlässlichem Partner" für die in den zurückliegenden sechs Jahren geleistete Arbeit, die künftig nun auch während der Sommermonate fortgesetzt werden soll. Mit dem neuen Angebot wolle man "die soziale Visitenkarte Münchens weiter aufmörteln" und den Zuwanderern auch eine dauerhafte Perspektive geben. Stehen im Winter 890 Plätze zur Verfügung, so sind es im Sommer nach bisherigen Plänen nur 300. Ende nächsten Jahres soll dann eine Auswertung erfolgen und der Stadtrat über eine Weiterführung oder Modifikation des Programms entscheiden.

Die maximale Übernachtungsdauer im Sommer betrage vier Wochen, die lediglich in Ausnahmefällen - etwa bei Familien mit Kindern - verlängert werden könne, sagte Schiwy. Wenn am bisherigen Standort, der Bayernkaserne, demnächst Wohnungen gebaut werden, ziehe das Übernachtungsprogramm in die nahegelegene Maria-Probst-Straße um. Dort gebe es mit der derzeitigen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge ein Gebäude, das von 2023 an für diesen Zweck genutzt werden kann.

Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, sagte, dass sich die Zahl der obdach- und wohnungslosen Menschen in München in den vergangenen Jahren deutlich erhöht habe. Derzeit gehe er von rund 1.000 Personen aus, die keinerlei Unterkunft hätten; dazu kämen weitere 8.500 Menschen, die in Beherbergungsbetrieben oder Notunterkünften untergebracht sind. Bürk: "Vor ein paar Jahren war das noch anders; es gibt dringenden Handlungsbedarf - insbesondere für einen Personenkreis, der eigentlich keinen Anspruch auf Hilfe und Unterstützung hat."

Bürk kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Europäische Union, die zwar von Solidarität und schützender Gemeinschaft spreche, es aber "gleichzeitig duldet, dass ihre Bürger in eine Zweiklassengesellschaft abrutschen, sobald sie ihr Heimatland verlassen, weil sie in Deutschland meist keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben." In diesem Zusammenhang forderte er ein neues Europäisches Fürsorgeabkommen, das alle EU-Staaten umfasst und nicht mehr durch nationale Gesetze auszuhebeln sein dürfe. "Wer zu uns kommt, darf nicht ins Leere fallen." Dass die Landeshauptstadt künftig für das gesamte Programm rund fünf Millionen Euro pro Jahr ausgebe, lobte er als eine "zutiefst menschliche und christliche Verhaltensweise".


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