18.03.2008 - Zuhause auf Zeit
Münchner Bodelschwingh-Haus begleitet straffällig gewordene Männer35 Männer, 7 Wohngruppen, strenge Regeln: Das Bodelschwingh-Haus des Evangelischen Hilfswerks München ist eine WG der besonderen Art. Hier lernen Ex-Häftlinge, wie sie in Alltag und Gesellschaft wieder Fuß fassen können. Keine Drogen, keine Gewalt, keine Waffen, kein Diebstahl – die Regeln im Bodelschwingh-Haus klingen nicht gerade nach Schullandheim. Wer hier einzieht, hat meistens gerade eine Haftstrafe hinter sich: „Von hundert Mal Schwarzfahren bis Mord ist alles dabei“, sagt Thomas Westermann.
Der Sozialpädagoge leitet das Haus und versucht gemeinsam mit seinem Team, den Männern den Weg zurück in die Gesellschaft zu ebnen. Das ist nicht immer leicht, denn vielen der Bewohner fehlt es an grundlegenden sozialen Kompetenzen. Oft wuchsen sie in kaputten Familien auf, verbrachten Jahre in Heimen, litten unter drogenabhängigen Eltern, wurden missbraucht, scheiterten in der Schule. Eine Entschuldigung für kriminelle Taten sei die „schlechte Kindheit“ nicht, stellt Thomas Westermann klar. Aber man dürfe auch nicht einfach darüber hinwegsehen, dass solche Erfahrungen den Menschen prägen.“
Um eines der 35 Einzelzimmer im Bodelschwingh-Haus zu ergattern, müssen die Männer, die sich oft aus der Haft heraus bewerben, ihre Motivation unter Beweis stellen. „Wer auf der Warteliste steht, muss sich regelmäßig melden, bis ein Platz frei wird“, sagt Westermann. Regelmäßige Gespräche mit den Sozialpädagogen sind Pflicht. Warum ist jemand straffällig geworden? Was sind seine Schwächen, seine Stärken, seine Lebensziele? Solche Fragen werden in den Einzelsitzungen diskutiert.
Auch um das WG-Leben kommen die Männer nicht herum. „Viele sind durch die Haft gruppenunfähig geworden, es gibt oft starke Rückzugstendenzen“, berichtet Gisela Weihnändler, die eine Wohngruppe leitet. In der Wohngruppe müssen sich die Männer zwangsläufig mit den Konflikten auseinandersetzen, die entstehen, wenn sieben Menschen zusammenleben.
Es gibt aber auch viele unterstützende Angebote: Grundkurse in sozialer Kompetenz und Anti-Aggressionstrainings werden genauso angeboten, wie Praktikumsplätze in der Hauswirtschaft, PC-Kurse und Bewerbungstrainings, gemeinsame Ausflüge und Sommerfeste. Alles zusammen soll den Bewohnern helfen, ihre Beziehungsfähigkeit zu stärken, sich in die Arbeitswelt einzugliedern, eine eigene Wohnung zu halten, mit wenig Geld auszukommen – und nicht wieder straffällig zu werden.
Denn das passiert auch. Ein besonders drastischer Fall sorgte vor einigen Jahren für Schlagzeilen. Ein haftentlassener Sexualstraftäter hatte wenige Wochen, nachdem er wegen Regelverstößen aus dem Bodelschwingh-Haus ausziehen musste, den Sohn von Bekannten missbraucht und ermordet. Um die Rückfallquote bei Sexualdelikten zu senken, hat das bayerische Justizministerium das Evangelische Hilfswerk beauftragt, im Sommer 2008 die bundesweit erst zweite psychotherapeutische Fachambulanz für entlassene Sexualstraftäter einzurichten.
Thomas Westermann begrüßt die Initiative. Die Berater könnten sofort reagieren, wenn ein Rückfall droht, aber den Tätern, die bei herkömmlichen Therapeuten oft abblitzen, auch helfen. Natürlich hoffe er, dass seine Schützlinge den Absprung schaffen und ein Leben ohne Kriminalität führen können. Es sei aber auch schon viel gewonnen, wenn sich ein ehemaliger Bewohner daran erinnere, dass es in dem hellgelben Haus Hilfe bekomme, auch wenn etwas schief gegangen sei.
(Susanne Petersen, epd/18.03.08)
[ » Zurück]