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22.04.2007 - Dünner Draht ins Leben

Zuhören, reden, da sein: Die Evangelische Straffälligenhilfe begleitet Häftlinge ohne Kontakt nach "draußen"Über eine Frühlingswiese zottelt eine kleine Schafherde, im Halbschatten eines Wäldchens rasten Rehe, am Horizont türmen sich schneebedeckte Berge – das Gelände der Justizvollzugsanstalt Bernau wäre eine Postkarten Idylle, gäbe es nicht die meterhohen, mit Stacheldrahtrollen bekränzten Zäune. Über 900 Männer verbüßen hier ihre Haftstrafen. Ein Dutzend von ihnen wird von Ehrenamtlichen Straffälligenhilfe betreut. Peter Möller ist für die Justizbeamten ein alter, aber gern gesehener Bekannter. Seit 20 Jahren betreut er Gefangene in Bernau. Seit seiner Pensionierung vor sechs Jahren leitet der frühere Berufssoldat ehrenamtlich die Straffälligenhilfe des Evangelischen Hilfswerks München. Einmal im Monat hat Möller Sprechstunde in Haus 1. Vier Häftlinge hat er heute auf seiner Liste. Die Tür geht auf, durch den Spalt drückt sich ein Mann in blauer Anstaltskleidung, Haare zurückgekämmt, fahles Gesicht, inhaftiert wegen Drogenhandel und -konsum. Er setzt sich an den Tisch, die Augen auf die Platte geheftet. Was er für ihn tun kann, will Peter Möller wissen. Er wird in drei Wochen entlassen, sagt der Mann, und er hat keine Unterkunft. In drei Wochen? Möller ist verärgert. Unterkünfte für entlassene Häftlinge gibt es schon, aber nur, wenn die Kostenfrage geklärt ist. Und der Antrag auf Kostenübernahme beim Sozialreferat dauert ein paar Monate. „Warum sind Sie denn nicht früher gekommen?“ fragt Möller. Der Gefangene zuckt die Achseln, fährt sich übers Gesicht. Möller greift zum Telefon., ruft die zuständige Mitarbeiterin des Sozialdiensts in der JVA an. Ein kurzer Wortwechsel mit vielen Fachbegriffen aus dem Behördendeutsch folgt. Danach Entwarnung: Die Diakonie Rosenheim ist unter Umständen bereit, den Mann trotz Drogenvergangenheit – in vielen Unterkünften ein Ausschlusskriterium – in ihrer Einrichtung aufzunehmen. Das ist eine der Hauptaufgaben der Evangelischen Straffälligenhilfe: Lösungen suchen für Probleme, die die Häftlinge mit der Behördenwelt „draußen“ haben – egal, ob es um Unterkunft oder Schulden geht. „Wir sind Seelsorger und Begleiter, aber vor allem Organisatoren“, sagt Peter Möller. Wieder öffnet sich die Zellentür: Ein Mann, Mitte 60, dick, weiße Haare, wieselflinke Augen, begrüßt Peter Möller wie einen alten Freund. Er hat eine Menge Papiere dabei, Schreiben an die Bank und ans Gericht. Sein Konto macht ihm Sorgen: Wenn er nicht bis zu jedem 7. des Monats Geld abhebt, wird gepfändet – dann kann er die Miete nicht bezahlen und verliert seine Wohnung. Wortgewandt schildert er, der wegen Betrugs einsitzt, seine erfolglosen Telefonate. Möller hört sich alles an und verspricht mit der Bank zu reden. Noch ein Jahr muss der Mann im Bernau bleiben. Für diese Zeit hat Möller jetzt eine ehrenamtliche Betreuerin gefunden. „Der Gefangene hat`s faustdick hinter den Ohren, aber die Dame ist 72 und bei der Heilsarmee – die wickelt er nicht um den Finger“, grinst er. Insgesamt gibt es rund 600 ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer, die in den 35 bayerischen Gefängnissen mit ihren derzeit 13 000 Strafgefangenen mittlerweile gern gesehen sind. Zehn Männer und 17 Frauen gehören zum Team der Evangelischen Straffälligenhilfe München, die in neun JVA tätig ist. Jeder von ihnen betreut ein bis zwei Gefangene, meistens Männer, die sonst keinen Kontakt nach „draußen“ mehr haben. Das Ziel ist, dass der dünne Draht in die Gesellschaft nicht ganz abreißt. Resozialisierung heißt das im Amtsdeutsch. Die ehrenamtlichen Betreuer besuchen „ihren“ Häftling, holen ihn zum Freigang ab, der ohne Kontaktperson nicht genehmigt wird, erwarten ihn beim Hafturlaub am Bahnhof und setzen ihn am Ende wieder in den Zug. „Wir können durch die Betreuung die Defizite des Gefangenen nicht reparieren, aber wir können den Vollzug ein wenig vermenschlichen“, sagt Möller. Die beiden letzten Besucher am heutigen Sprechtag sind junge Männer. Der zweite, wacher Blick, gespannt wie eine Sprungfeder, verhaftet wegen Einbruch und Raub, ist ein alter Bekannter. „Den hat ein Ehrenamtlicher schon beim letzten Mal betreut, mit ihm Ausgang und Hafturlaubstage gemacht, hat alles super geklappt. Nach seiner Entlassung hat er ihn in eine Unterkunft gebracht, wo er sogar einen Job als Pferdepfleger hätte haben können – und noch am gleichen Abend war er einfach verschwunden.“ Möller erzählt die Geschichte mit einem Lachen, das zwischen ungläubig und respektvoll changiert. Ob ihn das nicht frustriert, wenn ein Häftling trotz guter Betreuung einfach abhaut und ein paar Jahre später wieder im Gefängnis landet? Peter Möller schüttelt langsam den Kopf. Es geht ihm nicht darum, Erfolge vorzuweisen. „Die Männer sollen erleben: Jemand ist für mich da, ohne was zu wollen.“ Romantisieren dürfe man die Betreuung von Straffälligen trotzdem nicht: „Die Gefangenen benutzen uns – aber das bieten wir ja auch an.“ Für Peter Möller ist die Straffälligenhilfe Glaubenssache: „Wenn Menschen ein Ebenbild Gottes sind, können wir Häftlinge nicht außen vor stehen lassen.“ (Sonntagsblatt, 22.04.2007)

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