04.09.2005 - Würde finden im Frauenhotel
Gewalt, Armut oder Sucht: Das Münchner Frauenobdach Karla 51 bietet eine Zuflucht.Gewalt, Armut oder Sucht: Das Münchner Frauenobdach Karla 51 bietet eine Zuflucht.
Bett, Bad, Kühlschrank, Fernseher: Ein Stück Normalität bietet die Notunterkunft Karla 51 Frauen, die nicht mehr wissen, wo sie hin können.
Die Schatzkammer des Münchner Frauenobdachs Karla 51 misst gerade einmal eineinhalb Quadratmeter. Hinter einer unscheinbaren Tür stapeln sich auf engen Regalbrettern und in Plastikkörben allerlei Kostbarkeiten: Hipp-Babybrei, Konservennahrung, Seife, Babywindeln, saubere Unterwäsche. „Diese Kammer unterstützt uns sehr bei unserer Arbeit“, sagt Andrea Unger. Die Sozialpädagogin ist froh, wenn sie obdachlose Frauen, die teilweise verwahrlost im Karla 51 ankommen, erst einmal mit dem Notwendigsten versorgen kann: „Neulich haben wir hier eine Frau aufgenommen, die seit vier Tagen nichts mehr gegessen hatte.“
Das Frauenobdach in der Karlstraße 51, eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks München, eröffnete im Dezember 1996. Seither haben die Sozialpädagoginnen mehreren Tausend Frauen und deren Kindern aus Notsituationen geholfen. Allein im vergangenen Jahr kamen 844 Frauen zu Karla 51. Mehr als ein Drittel von ihnen wurden mit ihren Kindern vorübergehend in den 40 Zimmern untergebracht. Die Restlichen wurden beraten oder an andere Einrichtungen weiter vermittelt.
Mehyrem wohnt seit etwa einem Monat im Karla 51. Im August ist sie 20 Jahre alt geworden, eine häufig lächelnde Frau mit dunklen Augen und einer leisen, bisweilen zittrigen Stimme. Sie erzählt ihre Geschichte: aufgewachsen in München; die Eltern – der Vater türkisch, die Mutter deutsch – leben getrennt. Der Vater zieht zurück nach Istanbul, die Mutter geht zusammen mit einem neuen Partner, einem Deutschen, nach Heilbronn und nimmt Mehyrem mit. Der neue Mann beschimpft Mehyrem regelmäßig als Ausländerin, Schlampe, Hure, und bedroht sie. Auch die Mutter äußert sich zunehmend ausländerfeindlich. Als Mehyrem von ihrem damaligen Freund schwanger wird, nehmen die Beschimpfungen und Drohungen zu. Mehyrems Baby stirbt drei Stunden nach der Geburt. Zu Hause hält sie es daraufhin nicht mehr aus, zieht zu einer Freundin nach München. Die sucht telefonisch Rat bei der Bahnhofsmission, erhält die Adresse von Karla 51 und rät Mehyrem, sich dort zu melden.
Gewalt, sagt Andrea Unger, ist der Hauptgrund, warum Frauen in Deutschland obdachlos werden: Mehr als ein Viertel aller Bewohnerinnen des Karla 51 waren im vergangenen Jahr von einem Gewalttäter aus ihrem Zuhause geflohen. Weitere Gründe für die Obdachlosigkeit von Frauen sind psychische Probleme, Armut, Räumungsklagen, Sucht, ein ungesicherter Aufenthalt in Deutschland oder Probleme mit den Eltern.
„Jede Frau, die zu uns kommt, schämt sich“, sagt Andrea Unger. „Wir wollen den Frauen die Scham nehmen und ihnen mit Würde begegnen.“ Tatsächlich wird das Karla 51 oft nicht als Obdach, sondern als „Frauenhotel“ bezeichnet: Stockbetten gibt es hier nicht. Jede Frau erhält ein Einzelzimmer mit Dusche und Toilette, einem Kühlschrank und Fernseher: „Wir bieten den Frauen dadurch ein Stück Normalität“, sagt Unger. Die Zimmer verteilen sich über vier Flure, die Wände sind bunt bemalt., die Gänge bevölkert: Auf Stühlen sitzen Frauen, warten auf die Sprechstunde bei der Rechtsanwältin oder auf die Beratung bei der Sozialpädagogin, ein Kopierer surrt, man unterhält sich. Im Erdgeschoss liegt die Schaltzentrale des Hauses, die Pforte. Sie ist Tag und Nacht besetzt, um neu ankommende Frauen einzulassen.
In München ist der Bedarf an Notunterkünften für Frauen groß: Das Karla 51 ist ständig voll belegt, es gibt sogar eine Warteliste. Zwar haben sich die Mitarbeiterinnen des Obdachs gegenüber der Stadt München verpflichtet, alle Frauen innerhalb von acht Wochen in langfristige Wohnplätze zu vermitteln. Doch das gelang ihnen im letzten Jahr nur bei drei Viertel der Bewohnerinnen, der Rest blieb länger: „Es wird für uns Jahr für Jahr schwieriger, in München günstige Wohnungen zu finden“, sagt Andrea Unger.
(Sonntagsblatt, 04.09.05)
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